Letzte Woche stand ich das erste Mal vor einer achten Klasse. Mein Auftrag war, den Dreizehn- und Vierzehnjährigen in einem Zeitraum von drei Tagen, jeweils von 8 bis 14 Uhr, das Nachdenken über ihre berufliche Zukunft schmackhaft zu machen. Mit diesem Auftrag bin ich grandios gescheitert.

Nach dem ersten Tag war ich fix und fertig. Zwar hatte ich nicht direkt Angst, am nächsten Tag wieder in diese Klasse zu gehen, aber deutliche Stresssymptome, die ja evolutionär und hormonell betrachtet auf Angst- und Aggressionsreaktionen zurückzuführen sind. An diesem Tag hatte ich eine sehr konkrete Vorstellung, welche emotionalen Qualen manche Referendar*innen und nicht wenige Lehrer*innen jede Woche aushalten.

Diesen Text schreibe ich, weil ich darüber nachdenken will, welche Fehler ich gemacht und was ich daraus gelernt habe. Ich freue mich, wenn für dich ein oder zwei Gedanken dabei sind, die dir für den guten Umgang mit deinen eigenen Ängsten und Aversionen am Arbeitsplatz helfen können.

Erster Fehler: Negative Annahmen

Noch bevor ich die Schüler*innen das erste Mal sah, hatte ich bereits ein Bild von ihnen im Kopf. Das ging ungefähr so: „Die sind alle mitten in der Pubertät. Die achte Klasse – das ist das schlimmste Alter überhaupt. Die werden sich überhaupt nicht für die Themen interessieren, die ich mitbringe. Wahrscheinlich werden sie mir das Leben zur Hölle machen.“ – And guess what. Genau das ist auch passiert.

Erste Hypothese

Wenn ich es schaffe, mich von (in diesem Fall negativen) Vorannahmen zu befreien, kann ich wirklich neugierig und unvoreingenommen Menschen kennenlernen. Andere merken sofort, ob ich sie gern kennenlernen möchte oder ob ich mir bereits ein Bild von ihnen gemacht habe und nur noch darauf warte, dass dieses Bild bestätigt wird.

Was ich getan habe

Am zweiten Tag habe ich den Schüler*innen vorgeschlagen, uns noch einmal neu kennenzulernen. Ich habe wertschätzende Kennenlernspiele angeboten und mehr Persönliches von mir erzählt. Ich habe meiner eigenen Beobachtung mehr Raum gegeben und aufmerksam auf Aussagen der Schüler*innen gehört und was ich daraus über ihre Persönlichkeit, ihre Interessen und ihre aktuelle Lebenssituation ableiten könnte.  

Was du tun kannst

Sei dir deiner Vorannahmen bewusst. Mach dir klar, dass es Vorannahmen sind und sie ganz wesentlich deine Wahrnehmung von Realität beeinflussen. Versuche, diese Annahmen zu ersetzen ENTWEDER durch eine im besten Sinne naive Neugier ODER durch positive Vorannahmen. Letztere verstellen zwar auch in gewisser Weise den Blick, dennoch helfen sie beim Aufbau von Vertrauen.

Zweiter Fehler: Identifikation mit dem Inhalt

Ich habe das Verhalten der Schüler*innen als Ablehnung meiner Person gewertet. Jede Unterbrechung (also etwa alle 2 Sekunden – und nein, das ist keine Übertreibung) löste diesen Gedanken in mir aus: „Sie hassen mich.“

Zweite Hypothese

Wenn es mir gelingt, den Inhalt, den ich vermitteln will, von meiner Person zu trennen, werde ich die Zeit mit diesen jungen Menschen mehr genießen können.

Was ich getan habe

Ich bin an diesem zweiten Morgen schon um vier Uhr aufgewacht. (Ich sagte ja: Stresssymptome.) Statt mich unruhig im Bett zu wälzen, bin ich aufgestanden, habe geduscht, mir einen Kaffee gemacht und einen Talk von Tara Brach gehört: Rewiring for Happiness and Freedom. Das hat mir geholfen, mich aus meinem gedanklichen Käfig zu befreien. Ich hatte an diesem Morgen auf dem Weg zur Schule tatsächlich Glücksgefühle. Eine ausführliche Loving-Kindness-Meditation hat sicher ihr Übriges getan.

Was du tun kannst

Mach dir klar, dass der Inhalt, den du auf deiner Arbeit transportieren willst, nichts mit deinem Selbstwert zu tun hat. Wenn du etwas mit Meditation anfangen kannst oder neugierig drauf bist, probier einmal diese hier. Wenn Meditation nicht so deins ist, sag dir (oder lass dir sagen), dass du liebenswert, toll und großartig bist, einfach weil du so bist, wie du bist.

Dritter Fehler: Angst vorm Scheitern

Mit jeder verstreichenden Minute wurde ich angespannter. Meine Schultern verkrampften. Meine Stimme wurde heiser (vom lauten Reden und Schreien). Unter den Umständen, unter denen ich normalerweise arbeite, wäre eine Workshopatmosphäre wie diese ein untrügliches Zeichen, gescheitert zu sein. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Umstände in einer achten Klasse andere Schlüsse zulassen.

Dritte Hypothese

Es gibt einen Unterschied zwischen der Angst vorm Scheitern und der Anerkennung des Scheiterns. Solange ich Angst davor habe, befinde ich mich in einem Abwehr- oder Fluchtmodus. Sobald ich das Scheitern anerkannt habe, ergeben sich neue Lösungsmöglichkeiten.

Was ich getan habe

Erst einmal: Ich bin überhaupt hingegangen. Immerhin hätte ich auch zu Hause bleiben können. Grund gehabt hätte ich: Ziemlich blöde Magenschmerzen begleiteten mich den ganzen Tag. Ich habe die Schüler*innen gebeten, mit mir neu anzufangen und uns noch eine Chance zu geben. Das hat bei ihnen zwar Entsetzen ausgelöst („WAS? Sie wollen nochmal das Gleiche machen wie gestern??!“), war für mich aber ein wirkungsvolles Reset, das mir ermöglichst hat, mit Gelassenheit den zweiten Tag zu gestalten.

Was du tun kannst

Geh hin. Begib dich in deine Angst vorm Scheitern. Klopf dir auf die Schulter für deinen Mut, den das erfordert. Letztlich ist die Angst vorm Scheitern nichts anderes als Angst, Fehler zu machen und damit Angst, nicht gemocht zu werden oder gar den Job zu verlieren. Nun gibt es zwar Jobs, die eine sehr geringe Fehlertoleranz haben (Flugzeuglotsen, Chirurgie, Softwareentwicklung, um nur ein paar Beispiele zu nennen), doch in den allermeisten Fällen ist die Angst, Fehler im Job zu machen, irrational – auch wenn sich das nicht so anfühlt. In den wenigsten Fällen stehen Menschenleben auf dem Spiel. Mach dir das klar und frag dich: Was kann ich aus den Fehlern lernen, die ich natürlich unweigerlich machen werde? Feiere deine Fehler, denn sie sind deine wertvollsten Lernquellen.

Vierter Fehler: Identifikation mit dem System

Oder vielmehr: Die Angst davor, mit dem System gleichgesetzt zu werden. Jedes Mal, wenn ein Schüler mich „Lehrerin“ nannte, zuckte ich innerlich zusammen. Nicht weil ich Lehrerinnen verabscheuen würde. Im Gegenteil, ich bewundere jeden und jede, der*die als Lehrer*in einen guten Draht zu jungen Menschen hat und mit seiner*ihrer Arbeit einen echten Unterschied im Leben dieser Menschen erzeugt. Nein, ich zuckte zusammen, weil ich dieses Etikett, das mir aufgedrückt wurde, gleichsetzte mit der Unterstellung, ich wäre eine Repräsentantin und Befürworterin des deutschen Bildungssystems. Und das bin ich nicht. Im Gegenteil, ich befürworte – wie viele andere (auch Lehrer*innen) – eine Ausrichtung des Bildungssystems nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen (Stichworte: Motivation, Lernen) und nach den tatsächlichen Anforderungen an selbstbestimmte und verantwortungsbewusste Menschen hier und heute (nicht vor 100 Jahren).

Vierte Hypothese

Bei zu großer Abstoßungskraft zwischen mir und dem System, in dem ich mich bewege, ist es schlau, nach Stellschrauben innerhalb des Systems zu suchen, die ich selbst verändern kann. Ansonsten bleibt mir immer noch die Option, das System zu verlassen. Und natürlich gilt auch hier wieder: Mein (Selbst-)Wert ist unabhängig von dem System, in dem ich mich bewege.

Was ich gemacht habe

Ich habe mit der Projektkoordinatorin gesprochen und ihr gesagt, dass mir diese erste Erfahrung sehr wenig Spaß gemacht hat. Wenn ich merke, dass die Inhalte, die ich mitbringe, so wenig Resonanz erzeugen, dann lasse ich es lieber sein. Sie schlug von sich aus vor, dass sie für meinen nächsten geplanten Einsatz in einer achten Klasse eine Vertretung für mich finden würde. Die Einsätze in den elften Klassen werden wir beibehalten. Wenn ich noch ein paar weitere Erfahrungen mit Schüler*innen gesammelt habe, werde ich Bilanz ziehen und eine Entscheidung darüber treffen, ob ich diese Aufträge weiterhin annehmen möchte.

Was du machen kannst

Wenn du selbständig bist, kannst du natürlich genauso vorgehen wie ich. Wenn du angestellt bist, kannst du aber auch überlegen, welche Stellschrauben dir zur Verfügung stehen. Natürlich erst, nachdem du die wirksamsten Stellschrauben identifiziert hast. Erst wenn du das gesamte Veränderungspotenzial ausgeschöpft hast, ist es an der Zeit zu überlegen, ob du nicht das System verlassen solltest.

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