Im letzten Teil meiner vierteiligen Artikelreihe stelle ich dir 5 Jobs vor, für die geisteswissenschaftliche Kompetenzen wesentlich sind und die dennoch abseits der gängigen geisteswissenschaftlichen Karrierepfade liegen. Wenn dich auch die anderen Artikel interessieren, hier die kurze Linkliste dazu:

Doch nun zu den Jobs, von denen du vielleicht noch nichts weißt – und den Menschen dazu:

 

Design-Semiotiker

Mit einem M.A. in Comparative Literature hatte Joel ebenso wenig Ahnung, was er damit beruflich machen wollte, wie ich direkt nach meiner Promotion. Er zog erst einmal wieder zu seinen Eltern, um von dieser sicheren Basis aus kleinere Experimente zu machen. So arbeitete er in einer Reiseagentur, wo er für das Marketing verantwortlich war, und stellte fest, dass ihn die Funktionsweise von Kommunikation nicht nur theoretisch sondern auch in der Umsetzung faszinierte. Nur die Arbeitsatmosphäre und der Führungsstil dieser Agentur gefielen ihm nicht. Als weiteres Experiment setzte er sein LinkedIn-Profil auf. Unter „Expertise“ führte er „Marketing“ und „Semiotics“ auf. Nie im Leben hätte er gedacht, dass sich gerade das theoretisch abgehobene Konzept der Semiotik als echtes Karrieresprungbrett erweisen würde. Wenige Tage später hatte er eine Anfrage vom Gründer einer Agentur für Markensemiotik mit dem schönen Namen sign salad. (Ob es dieselbe Agentur ist, wie diese hier, weiß ich allerdings nicht.)

Das war Joels Eintritt in die damals noch sehr überschaubare Welt der Markensemiotik. Es geht um das Übersetzen von Marken-, Produkt- und Dienstleistungsbotschaften in Bilder und Texte, die in der jeweiligen Landeskultur funktionieren. Mit einer thailändischen Mutter und einem belgischen Vater war Joel, der in England aufwachsen ist und immer schon ein ausgeprägtes Interesse für Bildsprache und ein feines Gespür für Sprache und Bedeutung hatte, prädestiniert für diesen Job.

Mehr von Joel und seine beruflichen Abenteuer u.a. in Brasilien kannst du in meinem Buch erfahren.

 

Argumentationslogiktrainer

Dr. Malte Engel ist ein wunderbares Beispiel für einen erfolgreichen Unternehmer mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund. Er gründete sein Institut für Argumentationskompetenz, weil er erkannte, dass der Bedarf an solide argumentierten Texten in der Wissenschaft (ebenso wie in der Wirtschaft und der Politik) enorm ist und es gleichzeitig wenig Angebote außerhalb des Philosophiestudiums gibt, um die eigenen Fähigkeiten zum logischen Denken zu schulen und auf die Praxis anzuwenden. Nach ersten Testläufen mit seinem Trainingskonzept war die Nachfrage bereits so hoch, dass er weitere Trainer*innen hinzuziehen konnte.

Sein Werdegang und insbesondere seine Geschäftsidee ist ausführlicher in Mirjam Müllers Buch Karriere nach der Wissenschaft beschrieben.

 

Storytelling-Expertin

Hast du schon mal überlegt, dass die ganze Welt ein riesiges Netz von Geschichten ist? Jeder Gegenstand, jeder Mensch, jeder Raum erzählen uns unzählige Geschichten. Und selbstverständlich erzählen auch Organisationen und Unternehmen Geschichten – je bewusster und gekonnter sie das tun, desto erfolgreicher können sie sich mit ihrer Botschaft in den Köpfen ihrer Zielgruppen verankern. Der Markensemiotiker Joel bewegt sich in einem ähnlichen Feld. Und doch ist Storytelling noch einmal ein eigener Ansatz. Auch hier haben Literaturwissenschaftler*innen gute Karten. Wenn dir im Studium Mythologie und Joseph Campbells Heldenreise begegnet sind, ist es fast nur noch ein Katzensprung bis zum Storytelling für Unternehmen.

Die Macht, die Storytelling entfalten kann, wird sehr eindrücklich und überzeugend in dem Buch The Hero and the Outlaw beschrieben. PR-Agenturen gibt es schon lange, doch einige schreiben sich Storytelling inzwischen explizit und wirkungsvoll auf die Fahnen

https://www.mashup-communications.de/

Die Profile dieser Solo-Selbständigen mit Fokus Storytelling könnten dich interessieren:

http://www.hannamilling.de/storytelling.html

https://thomas-pyczak.de/

 

Ahnenforscher

Wenn du Ahnenforscher*in werden willst, solltest du darüber nachdenken, dich zu spezialisieren, wenn du damit deinen Lebensunterhalt verdienen willst. Aber wenn du eine Leidenschaft für Archive und für detektivisches Forschen und die Lebensumstände früherer Generationen mitbringst, ist es vielleicht dennoch lohnenswert, diesen Weg etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls als Nebenjob auszuprobieren.

Robert, den ich ebenfalls in meinem Buch interviewte, ist Historiker mit einem Forschungsschwerpunkt zu Euthanasieopfern der Nazizeit. Einige Jahre arbeitete er freiberuflich als Historiker, betreute das Portal Gedenkort T4, veröffentlichte, sprach auf Konferenzen zum Thema, gab Führungen – und erforschte für Privatpersonen die Schicksale von in der NS-Zeit „verschwundenen“ Familienangehörigen. Obwohl dieses Thema schrecklich und bedrückend ist, schenkte Robert mit dem Anteil der Ahnenforschung in seiner Freiberuflichkeit den betroffenen Familien Gewissheit und die Möglichkeit, einen Abschluss zu finden.

Dass Ahnenforschung auch mit weniger Spezialisierung und hauptberuflich funktionieren kann, zeigt dieses Beispiel: https://www.beyond-history.de/wir-sind-beyond-history-die-ahnenforscher-in-deutschland/

 

Bibliotherapeutin

Als Literaturwissenschaftlerin bin ich überzeugt von der Macht, die Bücher, Geschichten und andere Texte auf unser Leben haben. Lesen, Geschichten hören – und noch viel mehr Schreiben, sind Methoden, mit denen Menschen sich unbekannte (innere und äußere) Welten  erschließen können. Dass Bücher auch die Heilung alter seelischer Verletzungen und die persönliche Entwicklung unterstützen können, überrascht mich nicht.

Die Professionalisierung dieser Therapieform wird zum Beispiel vom Deutschen Verband für Biblio- und Poesietherapie vorangetrieben. Der Verein bietet Weiterbildungen, Arbeitskreise und andere Formen der Vernetzung an.

Persönlich kenne ich zwar noch keine Bibliotherapeutin, aber ich bin bei einer Googlerecherche u.a. auf die Webseite von Brigitte Leeser gestoßen, die als Schreibberaterin und Mediatorin bibliotherapeutisch arbeitet.

 

Nichts für dich dabei?

Dann mach dich selbst auf die Suche! Wir leben in einer Zeit mit so vielen Möglichkeiten, unser Leben – und dazu gehört auch unsere Arbeit – selbst zu gestalten, dass es ein echter Jammer wäre, diese Möglichkeiten nicht zu nutzen. Du möchtest etwas machen, das ganz viel mit den Inhalten oder Methoden deines Studiums zu tun hat? Dann such danach. Du bist offen für vieles, und weißt nicht genau, wohin du gehen willst? Dann fang an zu experimentieren!

Und wenn du nicht weißt, wie du damit anfangen kannst, und wenn du zufälligerweise Doktorand*in oder Postdoc bist und in oder um Berlin wohnst und dazu noch spontan, dann ist vielleicht dieses Training mit mir ein guter Anfang:

Just Do It: Erste Schritte von den Geisteswissenschaften in den Beruf

Anmeldungen laufen nur noch bis morgen, den 04.06.2019, direkt über die Dahlem Research School (siehe Link). Teilnahmevoraussetzung ist, dass du an einer deutschen Universität eingeschrieben bist und in der PhD- oder Postdoc-Phase bist.

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